Echtes Recht!

Ein künstlerisches Forschungsprojekt von FELD Theater für junges Publikum und Fri-X-berg Jugendkunstschule Kreuzberg-Friedrichshain

Das 30jährige Jubiläum der Kinderrechtskonvention der UN und die Neugründung des FELD-Theaters waren Anlass für das Projekt ECHTES RECHT und die Frage wie echt sind die Kinderrechte heute? Wie können sie an einem Ort wie dem FELD noch echter gemacht werden? Zu diesen Fragen haben wir, die Projektleiterinnen Eva Plischke und Julia Schreiner, gemeinsam mit Kindern der  5. Klasse der St. Franziskus Schule im Zeitraum von August bis November 2019  geforscht. Wir waren mit diesen Fragen im FELD-Theater, in der Schule, im Bundestag und auf der Straße, im öffentlichen Raum, unterwegs.


Warum echter machen? Kinderrechte sind weltweit anerkannt, was aber nicht heißt, dass sie überall umgesetzt oder beachtet werden. Kinderrechte sind Menschenrechte. Es gibt Schutz-, Förder- und Mitbestimmungsrechte. Kinderrechte sind auch Bürgerrechte und haben etwas damit zu tun, welche gesellschaftliche Position, welche Teilhabemöglichkeiten Kinder haben. In den UNICEF-Unterrichtsmaterialien steht oft die globale Perspektive im Vordergrund: Es geht um die Lebenssituationen von Kindern auf der ganzen Welt. Wir wollten aber konkret wissen: Wie echt sind die Kinderrechte hier in Deutschland, im  Alltag und Umfeld von Kindern in Schöneberg und eben auch im FELD?


Kinderrechte sind erstmal abstrakte Gesetzestexte. Die Beschäftigung damit markiert eine Schnittstelle von kultureller und politischer Bildung. Welche Rolle kann das Theater bei der Auseinandersetzung spielen? Im Theater kann man die Kinderrechte an sich ranholen: Man kann alle 54 Artikel aufschreiben und im Raum ausbreiten, man kann sie unterschiedlich sprechen oder man kann sich dazu im Raum bewegen und positionieren: Welches Recht ist mir besonders wichtig? Wo oder wann erlebe ich eine Diskrepanz zwischen Recht und Wirklichkeit?


Die Kinder haben dann Ideen gesammelt, wie Kinderrechte im FELD-Theater umgesetzt werden können. Dann haben wir die Bühne dafür genutzt, diese Ideen öffentlich zu machen Wir hatten ja auch einen echten Adressaten: Das FELD-Team hat sich ECHT für die Ideen und Forderungen der Kinder interessiert. Deswegen haben die Schüler*innen am 20.11. 2019, dem 30. Jubiläumstag der Kinderrechte, ihre Ideen und Forderungen fürs FELD öffentlich präsentiert und dem FELD Team auch persönlich überreicht. Hier sind einige ihrer Ideen.


Artikel 12 Du hast das Recht, deine Meinung in allen dich berührenden Angelegenheiten frei zu äußern. Erwachsene müssen diese Meinung ernst nehmen!


„Was im FELD passiert, geht Kinder etwas an. Wir finden, dass das FELD Kinder regelmäßig nach ihrer Meinung fragen sollte. Wir schlagen einen Meinungskasten im Eingang vor, wo man nach einem Theaterstück seine Meinung äußern kann – mit Emojis. Und es sollte im FELD MITBESTIMMER-KIDS geben!! Die Mitbestimmer-Kids treffen sich einmal im Monat treffen und bestimmen mit. Sie geben Künstlern, die im FELD proben, Feedback und Tipps. Das haben wir auch schon selbst ausprobiert, bei den Proben zum Stück ICH BIN PINGUIN.“

Die MITBESTIMMER-KIDS schlagen den Chef*innen vom FELD vor, was sie sich wünschen: Zum Beispiel ein Action-Theaterstück oder ein Stück, das auf einem Fußballplatz gespielt wird.

Artikel 12 gilt gemeinhin als als Mitbestimmungsrecht. Wir haben Norbert Müller, ein Mitglied der Kinderrechtekommission des Bundestags, getroffen und er sagte, dass der Artikel 12 der Grund sei, warum die Kinderrechte in Deutschland noch nicht im Grundgesetzt stehen. Weil sich die Parteien darüber streiten, wieviel Kinder mitbestimmen sollen. Das hat mit der Formulierung „in allen dich berührenden Angelegenheiten“ zu tun. Trotzdem war es nicht für alle Schüler*innen ein wichtiger Wunsch, im FELD mitzubestimmen. Sie waren der Meinung, dass man diesen Wunsch nur haben kann, wenn man wirklich spürt, dass einen eine Angelegenheit etwas angeht, dass einen etwas berührt. Die Mitbestimmer-Kids im FELD sollten daher Kinder sein, die das FELD kennen und schon Berührungspunkte haben.


Artikel 24 Du hast das Recht auf Gesundheit und auf eine sichere und saubere Umgebung, wobei die Risiken der Umweltverschmutzung zu beachten sind.


„Das FELD druckt seine Programmhefte auf Recyclingpapier. Wir fordern noch mehr Recycling: Auch Requisiten sollen wiederverwendet werden oder aus Pappe selbst gebaut werden! Das FELD braucht dringend eine Regentonne! Mit Regenwasser kann man nicht nur Blumen gießen, sondern auch die Toiletten spülen. Wir fordern eine Regenwassertoilette fürs FELD! Das FELD verbraucht wie jedes Theater viel Strom für Scheinwerfer und das Bühnenlicht. Das FELD braucht Solarzellen auf dem Dach oder auf dem Vorplatz. Wir fordern umweltfreundliches Licht im FELD. Oder das FELD muss häufiger im Dunkeln spielen.“

Es gibt in den Kinderrechten keinen eigenen Artikel für Umwelt- und Klimaschutz, sondern das ist in diesem Artikel, dem Recht auf Gesundheit quasi enthalten. Die Probleme der Umweltverschmutzung, Plastik, Mikroplastik haben für die Schüler*innen eine große Rolle gespielt. Schließlich ist Fridays for Future auch eine Kinderrechtsbewegung. Die Frage, was Theater für den Klimaschutz tun können, wie hier produziert und mit Ressourcen umgegangen wird, wird auch im Kulturbetrieb mehr und mehr zum Thema. Und vielleicht können ja kleine Orte wie das FELD da schneller etwas umsetzen!? Gleichzeitig haben wir selbst in unserem eigenen  in Projekt gemerkt, wie schwer es ist, sich an die eigenen Forderungen zu halten: Unsere Präsentation hat auch im Bühnenlicht stattgefunden und wir haben sogar vorher eine öffentliche Parade im Stadtraum mit dem Titel LIGHTS FOR RIGHTS veranstaltet mit vielen Leuchtobjekten….


ARTIKEL 2 Alle Kinder haben diese Rechte. Kein Kind soll diskriminiert werden, egal woher es kommt, welche Sprache es spricht, ob es arm oder reich ist.


„Die Eintrittspreise hier im Theater sind aber für manche zu teuer, vor allem wenn man mit der Familie kommen will: Für Erwachsene kostet es 10 € oder ermäßigt 7 €. Wir schlagen vor: Das FELD sollte am Wochenende oder an manchen Tagen 1-Euro-Theater anbieten. Also 1€ Eintritt für alle! Nach der Vorstellung, können die, die wollen und können, noch mehr Geld geben. Wir fordern außerdem, dass das FELD Theaterstücke in vielen verschiedenen Sprachen zeigt, nicht nur auf Deutsch. Damit auch Kinder mit ihren Familien kommen können, die nicht deutsch sprechen.
Nisma: Es gibt aber sehr sehr viele verschiedene Sprachen. In welchen Sprachen soll es denn Theater geben? ….“

Artikel 2 ist natürlich sehr grundlegend und ist in dieser Frage nach der Umsetzung im FELD merkwürdig eingedampft. Trotzdem sind diese Forderung relevante Themen, die die Institution Theater gerade stark betreffen und sie auch in Krisen führen können: Also die Frage nach dem Ausschluss kultureller Institutionen und ihrer mangelnden Diversität, sei es in puncto arm und reich, sei es Mehrsprachigkeit oder Inklusion. Deswegen ist der Hinweis auf die Preispolitik sehr interessant und wichtig, 1€ Theater.


ARTIKEL 31 Kinder haben ein Recht auf Freizeit, Spiel und Erholung


„Wir gehen sehr lange in die Schule und haben wenig Zeit uns zu erholen und die Schule zu vergessen. Deshalb fordern wir einen Raum, in dem wir uns entspannen und Stress abbauen können. Einen Raum für Ruhe und Rückzug nach der Schule.“

Johanna: „Wir fordern einen Entspannungsraum im FELD. Jeden Donnerstag zwischen 15 und 17 Uhr. Wellness für alle, auch für Kinder!


Artikel 31, also das Recht auf Freizeit wurde im Projekt viel diskutiert: Wieviel Freizeit habe ich eigentlich, kann ich da selbst bestimmen was ich machen, was bedeutet Freizeit im Sinne von freier Zeit, über die ich tatsächlich selbst verfügen kann, in der ich mich frei bewegen kann, geht das in der Stadt usw.? Und wie hängen Ganztagsschulen damit zusammen? Diese Forderung nach Wellness für Kinder ist fast ein bisschen provokant, weil Wellness vielleicht nicht die Lösung für Leistungsdruck oder -stress ist. Aber dennoch:  Einen Entspannungsraum haben wir im FELD probeweise schonmal eingerichtet am 20.11. Und auch die zweite Forderung, die aus diesem Artikel noch abgeleitet wurde, das Recht auf Party und auf einen Partyraum im FELD, haben wir am 20.11. erstmals umgesetzt.


Artikel 42 Jedes Land hat die Aufgabe, die Kinderrechte bekannt zu machen.


„Nicht alle Kinder und vor allem nicht alle Erwachsenen in Berlin kennen die Kinderrechte. Wir fordern, dass das FELD die Kinderrechte bekannter macht und überall sichtbar macht: Folgendes haben wir uns überlegt: Kinderrechte auf die Rückseite der Eintrittskarten drucken, damit die Erwachsenen sie lesen! Kinderrechte mit Zuckerguss auf die Waffeln im Café schreiben (oder auf die Servietten) Kinderrechte in die Bäume vors Feld hängen! Kinderrechte an die Wände oder außen aufs Haus projizieren! Einen Infostand für Kinderrechte vor dem FELD oder auf dem Winterfeldplatz machen! Regelmäßig eine Kinderrechtedemonstration anmelden!“

Im Prozess sind wir immer wieder rausgegangen sind und haben mit Erwachsenen Umfragen und Positionierungsspiele auf dem Winterfeldplatz gemacht. Und natürlich kannten viele Erwachsene die Kinderrechte nicht, zumindest nicht die genauen Gesetzestexte. Die Forderung resultierte aus diesen Erfahrungen. Es ist eine klassische Forderung an ein Theater, etwas bekannter oder sichtbarer zu machen oder einer Sache eine größere Öffentlichkeit zu verschaffen. Die Forderung nach einer Kinderrechtedemonstration haben wir am 20.11. dann auch gemeinsam mit der Jugendkunstschule FRIX-Berg eingelöst. Eine Bürgersteig-Parade von Kreuzberg nach Schöneberg, etwas zwischen Feier und Demo, mit Polizeischutz und selbstgebastelten Leuchtobjekten, die sowohl Kinder als auch Kinderrechte zum Leuchten gebracht haben.


Die Parade war ein Highlight! Im Auswertungsgespräch mit der Schulklasse ist die Parade  – neben den Umfragen im öffentlichen Raum und der Abschlusspräsentation –  oft als  wichtigstes Erlebnis genannt worden. Generell waren die Highlights im Projekt ECHTES RECHT immer dann, wenn das Echtmachen, das Umsetzen einer Idee gleich ausprobiert wurde. Das waren dann Momente, in denen die Kinder eine andere Rolle einnehmen konnten (als Feedbackgeber zum Beispiel) oder im öffentlichen Raum anders gehandelt haben also sonst (als Interviewer, als Demonstranten) Immer dann, wenn die Kinder andere Handlungsweisen erproben und erleben konnten, wurde es besonders spannend. Das Eröffnen von Handlungsräumen in einem Theater oder das Intervenieren in den Stadtraum, das Erproben von Echten Rechten nicht nur auf der Bühne sondern zwischen Kunst und Alltag ist ein Potential für Projekte zwischen kultureller und politischer Bildung.

Das Eröffnen von Handlungsräumen in einem Theater oder das Intervenieren in den Stadtraum, das Erproben von Echten Rechten nicht nur auf der Bühne sondern zwischen Kunst und Alltag ist ein Potential für Projekte zwischen kultureller und politischer Bildung.


Wir sind gespannt, welche Ideen im FELD langfristig umgesetzt werden können oder in die Überlegungen des FELD-Teams einfließen! Und wie können die Kinderrechte noch echter gemacht werden, nicht nur im FELD-Theater?



Projektleitung: Eva Plischke
Co-Leitung: Julia Schreiner
Koordination und Mitarbeit: Anne Bickert
Hospitanz: Zoë Weber
Von und mit: Klasse 5MD der St. Franziskus-Schule
Klassenlehrerin: Antonia Kolonko
Licht: Stefan Neumann
Fotocredits: Regina Teichs und Michael Felsch
Autorin: Eva Plischke
Link zur Schule: http://kssf-berlin.de/neu/

In Kooperation mit Jugendkunstschule FRI-X BERG.
Gefördert durch den Projektfonds Kulturelle Bildung Berlin.

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